

Bevor die Entwicklung der einzelnen Industriezweige genauer betrachtet und untersucht wird, folgt zunächst ein kurzer Abriss der wesentlichen historischen Faktoren und Leistungen, die die Industrialisierung in und um Hannover entscheidend bestimmt haben.
„Hannover war nie eine Industriestadt und konnte es auch nicht seyn. Zum Betrieb von Fabriken fehlt es an Neigung, Zeit, Geld und Händen. Frühere Industrialisierungsversuche sind missglückt.“ Diese Feststellung des hannoverschen Kammersekretärs Christian Ludwig Albrecht Patje von 1816 macht deutlich, dass Hannover von den vielen aufstrebenden Manufakturen in der Zeit auslaufender absolutistischer Herrschaft weitestgehend unberührt blieb. Auch die dynastische Verbindung mit Großbritannien (Die Kurfürsten, später die Könige von Hannover, waren von 1714 - 1837 in Personalunion die Könige von Großbritannien), dem europäischen Motor der Industrialisierung, war für den hannoverschen Teil wirtschaftlich kaum von Vorteil. Die Briten kamen offensichtlich zu dem selben Urteil wie der Kammersekretär Patje, denn Investitionen im Lande Hannover blieben aus.
Hannover blieb die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, sieht man von einigen wenigen Ausnahmen ab, tatsächlich ein agrarwirtschaftlich geprägtes Land. Die Ausnahmen bildeten eine mit einigem Erfolg betriebene Textilindustrie, die Kalkbrennerei, der Bruchsteinhandel sowie eine Vielzahl meist bäuerlicher Kleinbetriebe, die mit der Herstellung von Branntwein und Bier beschäftigt waren. Den größten „Rohstofflieferanten“ stellte schon damals der im Südwesten von Hannover liegende 20 Kilometer langen Höhenzug „Deister“ dar. Er lieferte Baumaterial, Brenn- und Werkstoffe in Form von Holz, Stein, Kalk und Steinkohle. Der Deister kann somit als wesentlicher Ausgangspunkt für die Industrialisierung der Region in und um Hannover betrachtet werden.
Vor allem die verstärkte Förderung der Steinkohle, die seit 1800 im östlichen Deister auf privatwirtschaftlicher Basis ihren Ausgang nahm, trieb seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung im hannoverschen Raum voran, da sie den Einsatz der Dampfmaschine ermöglichte. Mit dieser Entwicklung ist in der Region Hannover vor allem ein Name auf das Engste verbunden, der Name Egestorff. Die Unternehmerfamilie Egestorff hat mit viel Geschick und Gespür das erste Großunternehmen Hannovers aufgebaut. Johann Hinrich Egestorff, 1722 geboren, in kleinbäuerlichen Verhältnissen aufgewachsen und weder des Schreibens noch des Lesens mächtig, legte den Grundstein des Unternehmens mit dem Erwerb mehrere Kalkbrennereien. Mit der Zeit wurde das Geschäft um Bauholzhandel, Steinkohlebergbau, Ziegelherstellung und Zuckersiederei erweitert.
Egestorff begann seine Unternehmungen in der Ortschaft Linden (heute Stadtteil von Hannover) vor den Toren von Hannover zu konzentrieren und schuf auf diese Weise das erste zusammenhängende Industriegebiet Hannovers. Die eigentliche Leistung der Familie Egestorff für die hannoversche Wirtschaft bestand aber in der 1835 vom Sohn Johann Egestorffs, Georg Egestorff, in Linden gegründete Maschinenfabrik und Eisengießerei. 1836 liefen dort die ersten selbstkonstruierten Dampfmaschinen vom Band. Nachdem 1842 im Königreich Hannover die ersten Eisenbahnstrecken gelegt wurden, erweiterte Egestorf seine Produktion um die Herstellung von Lokomotiven. Das damals auf Grund der allgegenwärtigen englischen Dominanz risikoreiche Geschäft florierte alsbald und warf gute Gewinne ab. Über die Jahre hinweg wurde die Maschinenbaufabrik von Egestorff zum dominierenden Betrieb des gesamten Standortes Linden und mithin ein politischer Faktor im Königreich Hannover. Bisher in privater Hand wurde das Unternehmen 1871 schließlich in die „Hannoversche Maschinenbau-Aktiengesellschaft vormals Georg Egestorff“ überführt, das den Grundstein für das später international bekannte Unternehmen „Hanomag“ lieferte.
Der Maschinenbau in Linden beschleunigte den Einsatz von Dampfmaschinen im Land Hannover, was wiederum den Steinkohlebergbau im nahegelegenen Deister beförderte. Der zunächst privat betriebene Kohlenabbau wurde seit Mitte des 19. Jahrhunderts Stück für Stück immer weiter in staatliche Hände gelegt. Die in den Sandstein des Deisters eingelagerten Kohlenflöze der „Wealdenzeit“, die immerhin eine Mächtigkeit von bis zu 60 Zentimeter erreichten, wurden überwiegend im Stollenbetrieb erschlossen und abgebaut. Erst später mit dem auslaufenden 19. Jahrhundert begann die mittlerweile preußische Bergverwaltung die Steinkohle auch im Schachtbetrieb abzubauen. Anfang des 20. Jahrhunderts erlangte der Steinkohlebergbau schließlich seine Blütezeit, bevor er Mitte des Jahrhunderts aus Rentabilitätsgründen immer stärker von der Schließung bedroht wurde. Ein Nachteil des Deisterbergbaus war der Zufluss großer Tageswassermengen, der durch den die Kohle überdeckenden zerklüfteten Sandstein begünstigt wurde. Die kostenintensiven Wasserhaltungsmaßnahmen, aber auch die geringe Flözmächtigkeit waren problematisch für die Konkurrenzfähigkeit der Deisterkohle, so dass der Bergbau im Jahre 1960 gänzlich eingestellt wurde.
Der kurze Abriss der maßgeblichen Industriegeschichte Hannovers macht deutlich, dass die Industrialisierung des Gebietes vom südwestlichen Deisterraum aus, dem sogenannten Calenberger Land, von statten ging. Die Ausweitung der Industrialisierung auf die gebiete nördlich und östlich Hannovers erfolgte erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bis zu dieser Zeit behinderte die Unzugänglichkeit und Kargheit der Landschaft die wirtschaftliche Entwicklung. Im Nordwesten Hannovers erstreckt sich ein ausgedehntes Hochmoor rund um das Steinhuder Meer, ansonsten ist der Norden und Osten Hannovers durch einen mäßig ertragreichen Sandboden gekennzeichnet.

